Oscar Niemeyer - Vater der architektonischen Moderne und Betonbändiger

Brasilia ist die Stadt, die man sofort mit seinem Namen in Verbindung bringt. Zusammen mit Lucío Costa wurde die neue Hauptstadt Brasiliens in atemberaubender Geschwindigkeit erschaffen. Seine Vorstellungen musste er quasi über Nacht am Zeichenbrett umsetzen. Beim Alvorada Palace hat er dabei ein bogenförmiges Dach mit bogenförmigen Trägern entworfen - solche Elemente hatte noch nie jemand vorher umgesetzt - bahnbrechend.

"Form follows Function" war für ihn fremd. Seine Linien sollten organisch und ästhetisch sein. Geschwungene Linien hängen so auch symbolträchtig als Schwarzweißphotos in Form von Frauen über seinem Schreibtisch in Rio de Janeiro.

Die strenge Orthogonalität moderner Architektur der Nachkriegszeit erweiterte er um Kreis und Kurve. Einige seiner Gebäude waren so nur schwer zu benutzen. Das Nationalmuseum in Brasilia, wird wohl nie Meisterwerke ausstellen können, weil die Architektur keine Thermik ermöglicht, die empfindlichen Gemälden gerecht werden könnte. Für das Museum Arte contemporanea in der Bucht von Rio de Janeiro wurde er gebeten, nicht nur geschwungene Wände zu entwerfen - man wolle schließlich auch Bilder aufhängen.

Wenn man den Wald sieht, sieht man nicht nur die Bäume, sagt Niemeyer, sondern auch das Dazwischen.  Zwischenräume sind seine gestalterischen Stilelemente. Auf die Räume zwischen Pfeilern und Streben kommt es ihm an. Dabei strapazierte er Beton bis an die Schmerzgrenze. Die Statik seiner Werke scheint die Schwerkraft zu besiegen - leicht und schwebend wirken sie oft.

Das UNO-Hochhaus in New York stammt von ihm und Le Corbusier, mit dem er oft zusammen arbeitete.

Nach dem Militärputsch 1964 wurde Niemeyer ins Exil gedrängt. Ihn, das Mitglied der Kommunistischen Partei, zu verhaften trauten sich die Putschisten nicht. Niemeyer ging nach Frankreich, baute in Italien und Algerien. 1982 kehrte er nach Brasilien zurück. In den USA hatte er Einreiseverbot.

In Berlin entwarf er das Interbau-Wohnhochhaus 1957. In Potsdam entwarf er 2005 ein Freizeitbad am Brauhausberg, dass aber aufgrund mangelnden Geldes nie realisiert wurde.

Niemeyer ist sich treu geblieben. Er war und ist Sozialist, er hasst Typen wie George W. Bush, und er liebt noch immer die Frauen, denen er in so vielen seiner geschwungenen Bauten ein ums andere Mal ein unsterbliches Denkmal gesetzt hat. Mit 99 hat er zum zweiten Mal geheiratet. Sein Fazit nimmt nicht wunder: Das wichtigste im Leben sind allein „Die Frauen“. Sonst Nichts.

Er starb 10 Tage vor seinem 105. Geburtstag im Krankenhaus von Botafogo in der Stadt, in der auch geboren wurde.


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