Die BATIDA - Impfstoff für Arme

Fruchtig, süß, Alkohol“ sind 3 Begriffe, die die Kategorie der erfrischenden Sommer-Cocktails beschreiben: Batidas - nah verwandt mit dem Cobbler. 

Der Name Batida lässt auf die Herkunft des Cocktails schließen und leitet sich von „bater“ (portug. schlagen) ab. Die englischen und deutschen Wikipedia-Einträge verweisen als Ursprung der Batida auf Brasilien – interessanterweise findet sich dazu kein Hinweis beim brasilianischen Wikipedia-Eintrag. Eine Batida besteht demnach aus Cachaça und einer Fruchtbasis, die zusammen (mit Eis) geshaked werden. Das Rezept lässt also Raum für Kreativität. 

Die Cocktail-Basis ist dafür enorm: der variantenreiche Cachaça, der in mehr als 20 Holzsorten reifen kann und die 312 brasilianischen Früchte (Brasilien ist die artenreichste Region dieser Welt) bieten eine riesige Spielwiese. Als Batida findet man heute auch Mischungen mit Wodka, Rum und anderen Spirituosen. Im schlimmsten Fall wird Batida als „fruchtig, süß mit Alkohol“ verstanden und es springen einem Begriffe wie Nektar, billiger Fusel und CocktailSchirmchen entgegen. Ein billiger Wirkungstrunk mit Dekorationsspielereien.... ….ganz zu schweigen von der klebrigen Industrie-Batida de Coco.

Im Laufe der Zeit wurde in Europa die ursprüngliche Bedeutung der Batida vergessen. Das Wissen um die Wirkung der Früchte auf den Körper ist am Tresen abhandengekommen. Allenfalls sogenannte Superfrüchte finden offene Ohren. Dabei hat jede Frucht und demzufolge auch jede Batida ihre spezielle Wirkung. In der heutigen Barkultur spielen Spirituosen die dominierende Rolle. Nerds vor und hinter dem Tresen tauschen sich über Lagerzeiten, Alkoholgehalt und Destillationsprozesse aus. Im besten Fall wird noch die Zahl der verwendeten Botanicals diskutiert. Barkeeper, die über Säfte und die Wirkung von Früchten sprechen, sind in Europa selten zu treffen. 

Hand aufs Herz, welcher Barkeeper kümmert sich um die ernährungsphysiologische Sicht von Maracuja, Erdbeere oder Ananas? Von welchem Barkeeper kann man erfahren, dass die Pflaume z.B. eine abführende Wirkung besitzt und den Cholesterin-Haushalt beeinflusst? Wer – vor oder hinter dem Tresen - wählt die Pflaume als Zutat für einen Cocktail, weil sie Anthocyane, Chlorogensäuren, Quercetin und Catechine bietet, die gegen Fettleibigkeit Erfolg versprechen und entzündungshemmend, antioxidativ und antikarzinogen wirken. Wird eine Caipirinha – eine Batida de Limão – getrunken, weil die Limette 22 Kalorien besitzt, harntreibend, reich an Vitamin C und Antioxidantien ist, die Giftstoffe binden, Cholesterin und Blutzuckerwerte senken und bei der Verdauung helfen? Eine Frucht hat in der ersten Welt meist nur eine Eigenschaft: Geschmack! 

Wenn demnächst mal wieder eine Batida bestellt wird, sollte sie schmecken und in Erinnerung rufen, dass jede Frucht auch eine Wirkung hat – nicht nur der Alkohol. Die Mischung von Frucht und Cachaça, insbesondere die Batida de Limão, wurde einst als Vacina de pobre – Impfstoff der Armen bezeichnet, weil sie leicht zugängliche Medizin war…
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